Kriegserbe in der Seele

hieß der Vortrag am 26.11.2019 mit Dr. phil. Udo Baer im Saal des Hospizdienstes in Ellmendingen. Kriegserbe – kann das heutzutage, mehr als 70 Jahre nach Kriegende, noch irgendjemanden interessieren? Oh ja es kann, wie der völlig überfüllte Raum zeigte. Menschen aller Altersstufen waren gekommen; Junge, Alte, Paare in mittleren Jahren.

Baer, unter anderem Diplom-Pädagoge und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Gerontopsychiatrie in Berlin, Autor zahlreicher Fachbücher, enttäuschte seine Zuhörer nicht. Denn, wie eingangs die Stellvertretende Vorsitzende des Hospizvereins, Bärbl Maushardt sagte, waren viele Anwesende, wie sie selbst, Kriegskinder, oder Enkel von Kriegsteilnehmern. Von denen die meisten eines gemeinsam hatten: Das Schweigen.

Über die Schrecken des Krieges wurde in den Familien nicht gesprochen. Ein Drittel der Älteren erlitten ein Trauma, so Baer, zwei Drittel mehrere. Mitunter zeige sich das erst Jahrzehnte später. Wie bei der alten Frau, die unablässig schrie und nicht zu beruhigen war. Baer hatte sich neben sie gesetzt, ihre Hand gehalten, zugehört. „Es klang wie Schreie im Krieg“, hatte er festgestellt. „Die mussten noch raus.“ Danach wurde sie still und konnte sterben.

Baer hatte zahllose Beispiele zur Hand, die auf Traumata hindeuten. Die scheinbar unerklärliche Angst und Unruhe mancher älterer Menschen bei Gewitter. Donnergrollen könne an Bombardierung erinnern. Viele Frauen waren während des Krieges und in den Jahren danach vergewaltigt worden, waren hilflos ausgeliefert. Jetzt, in hohem Alter und pflegebedürftig, fühlten sie sich möglicherweise wieder ausgeliefert. Hier sei Behutsamkeit gefragt und Einfühlungsvermögen.

„Es gibt Traumata, die unvorhersehbar sind, mit unberechenbaren Auslösern“, berichtete Baer. So ein alter Herr, der plötzlich nicht mehr duschen wollte. Er war im KZ gewesen. Die Dusche bedeutete den Tod. „Gerade in der letzten Lebensphase kommt die Erinnerung wieder.“ Der Schrecken sitze im Herzen, nicht in der kognitiven Erinnerung.

Trauma-Erfahrungen werden, laut Baer, weitergegeben. Nicht das Ereignis selbst, aber die Folgen. Wichtig sei, dass der Betroffene fühle, dass er ernst genommen werde, Gehör finde. „Allein sein mit dem Trauma danach, ist entsetzlich!“ Tröstlich hingegen sei das Signal: „Jetzt sind Sie nicht allein, ich bin da.“

„Das ist ein Appell an uns alle“, meinte Bärbl Maushardt abschließend. – Der Vortrag Baers löste bei manchem Zuhörer Tränen aus. Und eigentlich bei allen neue Erkenntnisse, die für Mitarbeiter des Hospizdienstes am Folgetag in einem Seminar mit Udo Baer vertieft werden konnten.

Text: C. Viehweg; Bilder: B. Maushardt

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